Verwurzelt II – Der Baum

Der Geburtstag einer sehr guten Freundin, sie hatte den Wunsch, dass man eine Baumspende anstatt eines Geschenks machen sollte. Natürlich habe ich gespendet, aber etwas persönliches wollte ich ihr dann doch mitbringen.

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Michael Köhlmeier – Zwei Herren am Strand

Zu Beginn muss ich es schon vorweg nehmen. Michael Köhlmeier ist mit „Zwei Herren am Strand“ ein ganz großer kleiner, weil nur 250 Seiten starker, Roman gelungen.

Zwei bedeutende Persönlichkeiten, beide nicht unumstritten, treffen sich bei einer Strandparty in Santa Monica und dies ist der Beginn einer großen Freundschaft. Es handelt sich um Winston Churchill und Charlie Chaplin. Wir schreiben das Jahr 1927 und diese beiden Männer fühlen sich nicht wohl in ihrer Haut. Churchill, weil er niemanden der anderen Gäste kennt und Chaplin, aus Angst, von den anderen gemieden zu werden, gab es doch böse Gerüchte über seine Neigung zu minderjährigen Mädchen. Die Medien berichteten ausführlich über die spektakuläre Scheidung von seiner Ehefrau und viel schmutzige Wäsche wurde in aller Öffentlichkeit gewaschen. 1925 wurde der Film „Goldrausch“ dennoch zu einem phänomenalen Erfolg, doch die Person Chaplin ist in der Öffentlichkeit stark beschädigt. Churchill, der eine rasante politische Laufbahn eingeschlagen hatte, verliert seinen politischen Einfluss, als 1929 die Labour Partei den Regierungschef stellt. Wir lernen ihn als hyperaktiven, sensiblen, manchmal sentimentalen Menschen und begnadeten Maler kennen, der stundenlang durch die Gegend wandert, auf der Suche nach der perfekten Stelle, um ein neues Gemälde zu erschaffen. Soviel zu den biografischen Fakten, die Michael Köhlmeier als Rahmen um diese Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft legt.

Wir begleiten diese beiden Männer durch gute und schlechte Tage. Besonders die schlechten Tage sind es, die dieser Freundschaft als Grundlage dienen. Bei ihrem ersten Zusammentreffen auf besagter Strandparty unternehmen die beiden einen ausgedehnten Spaziergang und beginnen zu reden, über sich und über den schwarzen Hund, die Phasen tiefster Depression, die beiden oft genug den Boden unter den Füßen entreißt. Weil sie schnell erkennen, dass diese Gemeinsamkeit sie eint, sind sie einander schonungslos offen gegenüber. Sie merken auch, wie gut es tut sich mitzuteilen und beide fühlen sich am Ende des Abends deutlich besser. Einig sind sie auch über …“Nietzsches Meinung, dass der Gedanke an Selbstmord ein starkes Trostmittel sei, mit dem man über manch böse Nacht hinwegkomme“. Sie trennen sich mit dem Versprechen, sich gegenseitig zur Seite zu stehen, sollte die Depression sie überfallen. Egal wo sie sich befänden, eine Nachricht genügt und einer eilt dem andern zu Hilfe. Dieses Versprechen halten sie bis zu ihrem Tod ein. Es wird im Verlaufe des Romans noch einige gegenseitige Hilfseinsätze geben.

Die Zeit schreitet voran und auch die politisch, gesellschaftlichen Entwicklungen fließen in das Leben der beiden und in Köhlmeiers Roman ein. Als die Nazis sich in Deutschland breitmachen, kämpfen beide mit ihren jeweiligen Mitteln gegen den Wahnsinn, der sich in der Welt ausbreitet an. Chaplin arbeitet wie besessen an seinem „Der große Diktator“ und Churchill führt die Engländer in den Kampf gegen eben diesen Diktator jenseits des Kanals.

Köhlmeier schreibt auf drei Ebenen. Churchills Lebensweg, Chaplins Lebensweg und die Entstehung dieses Romans, geschrieben von einem fiktiven Erzähler. Dieser Erzähler ist über den Nachlass seines Vaters, der glühender Bewunderer Churchills war, in den Besitz eines langjährigen Briefwechsels zwischen dem Privatsekretär von Winston Churchill mit seinem Vater gelangt. Ferner orientiert er sich an dem Buch des Journalisten Josef Melzer „Chaplins Tugend“. Doch sowohl der Briefwechsel, als auch Josef Melzers Buch über Chaplin sind frei erfunden. Köhlmeier erzählt so souverän und klar, dass man irgendwie immer glaubt, so, genau so und nicht anders müsste sich alles zugetragen haben. Diese Vermischung aus Fiktion und wahren, weil bekannten Fakten gefallen mir besonders gut. Intelligente Unterhaltung, interessante Persönlichkeiten, und eine rundum lebensbejahende Grundeinstellung, obwohl das Thema der beiden Herren am Strand doch eigentlich der Freitod ist, das ist in diesem fabelhaften Roman vereint.

Heidi Rehn – Das Lichtspielhaus – Zeit der Entscheidung

Heidi Rehn entführt uns in ihrem neuen Roman „Das Lichtspielhaus – Zeit der Entscheidung“ ins Jahr 1926. Hier treffen wir Elsa und Lotti und Zenzi, starke Frauen alle drei, die die Donaubauer Lichtspiele durch politisch wie gesellschaftlich schwierige Zeiten navigieren.

Zenzi, das Oberhaupt der Donaubauer Dynastie, hat gemeinsam mit ihrem, bereits verstorbenen Mann, aus einer Jahrmarktsattraktion ein florierendes Unternehmen aufgebaut. Die Donaubauer Lichtspiele sind glanzvolle Anziehungspunkte im kulturellen Münchner Leben. Wir sind dabei, wenn beeindruckende Premieren mit viel Glanz und Prominenz zelebriert werden und freuen uns alte, bedeutende Bekannte aus der Filmwelt bei den Donaubauers zu treffen. Alfred Hitchcock, Luis Trenker, Heinz Rühmann, Marlene Dietrich, Hans Alberts und natürlich auch, zwiegespalten, aber zu der Zeit gehörend, Leni Riefenstahl.

Schwer erkämpfte Erfolge in Zeiten, die ständigem Wechsel unterzogen sind. Niederschlagung der Räterepublik, Inflation und nationale Hetze durch die Nationalsozialisten. Doch der erste Putschversuch Hitlers scheitert und die Menschen sehnen sich nach so etwas wie einer heilen Welt. Hier werden sie, in den überall in der Stadt emporschießenden Kinos auf das Beste bedient. Nicht alle Kinos sind so pompös wie der Elvira Filmpalast, in dem neueste Kinotechnik gepaart mit viel Luxus jeden Besuch zu einem gesellschaftlichen Ereignis werden lassen, es gibt in den Arbeiterbezirken der Stadt auch einfache Kinos, die für wenig Geld die Menschen in die Welt der schönen, bewegten Bilder entführen. Aber es geht in dem Roman nicht nur um die Kinos an sich, sondern auch um die Konkurrenz zwischen der Emelka Filmgesellschaft in München und der UFA in Potsdam, die um die Vorherrschaft im Bereich technischer Neuerungen, wie zum Beispiel den Wandel vom Stummfilm zum Tonfilm ringen. Und es geht um die immer stärker werdende NSDAP, die es geschickt versteht ihre Propaganda in den Kinos zu platzieren, die bald schon nicht mehr so genannt werden, sondern ganz deutsch „Lichtspielhaus“. Mit der Machtergreifung Hitlers 1933 wurde ein großer Teil der Filmindustrie verstaatlicht. Jüdische Filmschaffende durften nicht mehr arbeiten, jüdische Kinobetreiber wurden enteignet.

All diese geschichtlichen Fakten haben eine nicht unwesentliche Rolle in diesem absolut lesenswerten Roman und Heidi Rehn versteht es ausgezeichnet, so viel Wissen in die Romanhandlung einzubauen, wobei sie häufig Dialoge der handelnden Personen dafür nutzt.

Doch zurück zu den starken Frauen der Donaubauer Dynastie. In die Familie Donaubauer heiratet die Wienerin Elsa ein. Sie ist als ausgebildete Burgschauspielerin das perfekte Aushängeschild für die eleganten Empfänge, wo sie die Blicke auf sich zieht und Kontakte zu Regisseuren und Produzenten zu knüpfen versteht. Ihre eigene Karriere hat sie aufgegeben, kümmert sich stattdessen um die beiden Töchter und lebt voller Engagement ihre Rolle als Kinobetreiberin. Doch nicht nur die politischen Zeiten sind schwer, auch im privaten entwickelt es sich nicht immer zum Besten. Elsa wird von ihrem Mann verlassen und nun liegt ihr ganzes Streben darin, ihren Platz neben Zenzi zu behaupten und so, das spätere Erbe für ihre Töchter zu sichern. In ihrem Schwager Heinrich hat sie dabei einen hartnäckigen Widersacher, doch wie gesagt, sie ist eine starke Frau und schafft es, viele Hindernisse aus dem Weg zu räumen und ihre Vorstellungen für die Donaubauer Lichtspielhäuser durchzusetzen. Wir begleiten sie nach Berlin und Venedig zu den Filmfestspielen und treffen viele interessante, manchmal, in Anbetracht der Zeiten, auch gefährliche Persönlichkeiten.

Ja und dann dürfen wir die bodenständige Lotti nicht vergessen. Sie stammt aus einfachen Verhältnissen und ist im Elvira Palst als Büroangestellte beschäftigt. Mit ihrer schnellen Auffassungsgabe, ihrer offenen Art und ihrem großen Engagement wird sie schnell unentbehrlich und schließlich sogar zur Vertrauten von Elsa und Zenzi.

Welche Klippen die drei Frauen zu umschiffen haben, welche Hürden sie überspringen müssen und wie es um ihr persönliches Glück bestellt ist, das sollte jeder selber lesen. Denn natürlich geht es auch in diesem Roman um Liebe, Enttäuschung, Vertrauen und ganz viel Hoffnung. Und wenn wir die Geschichte im Jahre 1939, als Deutschland den 2. Weltkrieg begonnen hat, verlassen, ist es noch nicht das Ende, denn es wird 2021 eine Fortsetzung geben, auf die ich mich schon sehr freue.

Meg Wolitzer – Das weibliche Prinzip

Wir schreiben das Jahr 2006 und treffen in Meg Wolitzers Roman „Das weibliche Prinzip“ in einem Provinz College zum ersten Mal die schüchterne Studienanfängerin Greer Kadetsky. Warum gerade hier und jetzt? Nun, hier begegnet sie der berühmten Frauenrechtlerin Faith Frank und diese Begegnung wird zu einer dieser schicksalhaften Begegnungen, wie sie einem nur selten im Leben passieren, die aber unserer persönlichen Entwicklung eine entscheidende Wendung geben.

Greer hatte eigentlich gehofft, gemeinsam mit ihrem Jugendfreund Cory in Princeton studieren zu können, doch während Cory einen Studienplatz an dieser Eliteuniversität ergattern konnte, muss Greer sich mit einem Platz in Ryland begnügen. Regelmäßig besuchen die beiden sich an den Wochenenden und schmieden gemeinsam Zukunftspläne. Doch in Greer brodelt es. Eifersucht, Kränkung, Vorwürfe an die Eltern, aber auch Gedanken an die vielen Möglichkeiten, etwas Besonderes aus ihrem Leben zu machen, bzw. nun nicht mehr machen zu können. Diese Gefühle beschreibt Meg Wolitzer in ihrem Roman besonders intensiv und hier hat mich die Geschichte auch stark an ihren wunderbaren Roman „Die Interessanten“ erinnert. Dieses Gefühlskarussell kennt jeder von sich selbst und darum gelingt es der Geschichte, uns mitzunehmen, uns mitfiebern zu lassen und bis zum Ende gebannt zu verfolgen wohin die Reise, in diesem Falle, von Greer und Cory geht.

Wie der Titel schon vermuten lässt, geht es aber nicht nur um das Erwachsenwerden zweier Teenager, sondern Meg Wolitzer verbindet diesen Erzählstrang mit der Geschichte der Frauenrechtsbewegung in Amerika. Hierfür steht die charismatische Faith Frank. Sie hat ihre besten Jahre bereits hinter sich, hat vieles für die Sache der Frauen erreicht, ist Herausgeberin einer kritischen Frauenzeitschrift gewesen und unterstützt weltweit Projekte, die Frauen bei ihrer Selbstverwirklichung helfen. Doch die Frauenbewegung hat sich im Laufe der Zeit verändert und Faith und ihre Arbeit teilweise überholt. Ihre Popularität ist allerdings nach wie vor groß und auf Vortragsreisen sorgt sie immer noch für Begeisterung. Auf einer dieser Vortragsreisen kreuzen sich nun also die Wege von Greer und Faith und hier beginnt ihre gemeinsame Geschichte. Greer gerät völlig in den Bann der älteren Frau und ihre Bewunderung grenzt an einen Starkult. Hier sieht sie ein Vorbild, dem sie mit jeder Faser ihres Seins nacheifert. Tatsächlich gelingt es ihr nach dem Abschluss ihres Studiums in den erlauchten Kreis der engen Mitarbeiterinnen um Faith Frank einzutauchen. Ergeizig und für meine Begriffe etwas zu schwärmerisch, lässt sie sich mitreißen von all den hehren Zielen, bis sie endlich erkennt, dass auch Heldinnen irren können und ihre moralischen Vorstellungen nicht immer unumstritten sind. Beinahe hätte sie sich selbst und ihre Werte verraten, doch am Ende ist sie erwachsen geworden und traut sich zu, auf ganz eigenen Füssen zu stehen.

Während Greer hadert, hofft, strebt, nacheifert, sich abnabelt und schließlich selbst erfolgreich publiziert, sieht es bei Cory ganz gegensätzlich aus. Bei ihm läuft seit der Kindheit alles perfekt. Immer einer der besten in der Schule, intaktes Elternhaus, Studium in Princeton und gleich im Anschluss daran auf der Überholspur ins Berufsleben. Dann geschieht in der Familie ein tragisches Unglück und er bricht mit allem, was er bis dahin erreicht hat, um wieder Zuhause zu leben, seine Mutter aufzufangen. An diesem Punkt scheint die Beziehung mit Greer zu zerbrechen. Ob, beziehungsweise wie, die beiden ihr gemeinsames Leben gestalten sollte jeder selber lesen. Es lohnt sich auf jeden Fall.

Meg Wolitzer hat die große Gabe Geschichten fließend und geschmeidig zu erzählen. Das mag manchem zu glatt erscheinen, doch ich mag diesen soghaften, unprätentiösen Schreibstil sehr.