Samanta Schweblin – Hundert Augen

Wer erinnert sich noch an die späten 1990er Jahre, als die Tamagotchis populär waren. Dieses Spielzeug stellte ein virtuelles Küken dar und der Besitzer musste sich darum kümmern, wie um ein echtes Haustier. Optisch sahen Tamagotchis eher aus wie eine Stoppuhr, aber das störte irgendwie nicht. Das Prinzip funktionierte erstaunlich gut. Man musste sich kümmern und wer das vergaß, dem verstarb dieses kleine „Wesen“. Samanta Schweblin vermischt in ihrem Roman „Hundert Augen“ dieses Tamagotchi-Prinzip mit den Strömungen unserer Zeit. Wir leben zu einem großen Teil online im „Netz“, geben viel von uns Preis und es gibt sogar Menschen, in der Regel sehr junge Menschen, die täglich ihren „Followern“ in selbst erstellten Videos über ihren Alltag berichten. Wer dieses öffentliche Leben besonders erfolgreich praktiziert, wird von der Fangemeinde zum „Influencer“ ernannt und ist damit auch interessant für die Wirtschaft. Man bekommt Geld dafür, bestimmte Produkte zu bewerben und dadurch erhöht sich der Reiz, selber zu einem „Influencer“ zu werden und ein gläsernes Leben zu führen.

Doch nun zu Samanta Schweblins Roman. Die mittlerweile etwas altmodischen Tamagotchis heißen bei ihr Kentuki. Sie sehen aus, wie billige Plüschtiere auf Rädern mit Kameras als Augen. Sie können quieken und schnurren, jedoch nicht sprechen. Die Idee ist, dass ein Kunde einen Kentuki erwirbt und irgendwo auf der Welt erwirbt ein anderer Kunde einen zufällig ausgewählten Zugang zu einem Kentuki. Er bewegt sich nun mit diesem Kentuki durch die Welt des anderen und erhält Einblicke in dessen Privatleben. Eine gruselige Vorstellung, weiß man doch nicht wer hier am anderen Ende der Verbindung sitzt. Es könnte ja auch ein Krimineller sein oder ein Psychopath oder eben auch nur ein Kind. Doch die Nutzer dieses Kentuki -Prinzips verlieren schnell das eventuell vorhandene Unwohlsein. Sie haben nun Gesellschaft und ein quasi lebendiges Wesen in ihrem Heim. Es ist eine win win Situation. Der eine ist nicht mehr einsam und der andere kann seinen Horizont erweitern.

So wie der junge Marvin aus Guatemala, dessen Kentuki sich in Norwegen befindet. Zum ersten Mal in seinem Leben könnte er den Schnee erleben. Marvin führt als Kentuki ein richtig abenteuerliches Leben. Ein anderer Kentuki Besitzer lebt allein mit seinem Sohn, und ihr Kentuki verfolgt dieses Kind auf merkwürdig aufdringliche Weise. Was dahinter steckt kann man sich leicht denken.

So erzählt uns Samanta Schweblin verschiedenste Biografien und lässt uns hinter die Fassaden ihrer Figuren blicken. Sie schildert gescheiterte Lebensentwürfe, Entfremdung und Einsamkeit. Menschen, die mit ihrer Umwelt nicht mehr zurecht kommen, die überholt wurden von unserem schnellen Leben. Die Sehnsucht nach Kommunikation ist bei den meisten Besitzern vorhanden, wenn auch nicht wirklich vorgesehen. So versuchen einige sich mit ihrem Kentuki über Morsezeichen oder ein gezeichnetes Alphabet in Verbindung zu setzen.

Ich habe diesen großartigen Roman als Kritik an unserer Gesellschaft verstanden und er hat mich sehr nachdenklich zurück gelassen.

Zadie Smith – Swingtime

Freundschaft ist etwas schönes, etwas, das unser Leben bereichert. Wahre Freunde fangen uns auf, wenn wir an unsere Grenzen stoßen und fallen. In dem Roman „Swingtime“ von Zadie Smith spielt die Freundschaft zweier Mädchen eine große Rolle. Doch gleich zu Beginn des Buches stellt sich die Frage, was macht eine Beziehung zwischen zwei Menschen, die völlig verschieden sind, zu einer Freundschaft. Reicht es schon, in einer Gruppe von weißen Menschen als einzige eine dunklere Hautfarbe zu haben? Ist es eine ausreichende Basis, wenn sich beide für Musicals und Tanz begeistern? Genau das passiert in der Geschichte. Die namenlose Ich-Erzählerin begegnet als kleines Mädchen in einer Tanzschule der einzigen anderen farbigen Kursteilnehmerin. Tracey und sie werden Freundinnen. Fortan verbringen sie ihre freie Zeit meistens gemeinsam. Doch es gibt keine echte Balance zwischen ihnen. Tracey ist über die Maßen ehrgeizig und eifersüchtig. Eifersüchtig in erster Linie auf das behütete Zuhause ihrer Freundin.

Die Kinder wachsen im selben Londoner Vorort auf. Ein typisches Viertel der Unterpriviligierten. Doch auch innerhalb dieses Milieus gibt es subtile Unterschiede. Arbeitslosigkeit, Migrationshintergrund, alleinerziehende Mutter, schnell ist man in der Hierarchie eine weitere Stufe abgestiegen. Unsere Erzählerin wird durch den unbedingten Willen ihrer Mutter mitgerissen, sich durch Bildung und soziales Engagement über die gesellschaftlichen Schranken hinweg zu heben. Welcher Weg ist der richtige? Tracy versucht, ebenfalls angetrieben von ihrer Mutter, ihr tänzerisches Talent und ihr attraktives Äußeres als Sprungbrett zu nutzen. Die Wege der Mädchen führen langsam aber sicher voneinander weg zumal auch noch beide Mütter einen Keil zwischen sie treiben. Doch ganz werden sie sich nicht aus den Augen verlieren. Echte Sorge um das Wohlergehen von Tracy, treibt die Erzählerin immer wieder dazu, diese aufzusuchen und immer ist die Hoffnung da, alles möge wieder so unbeschwert sein, wie ganz am Beginn ihrer Freundschaft. Aber das kann es nicht werden, die Unterschiede der Lebensentwürfe und ihrer Charaktere sind wohl zu groß.

Während nun also die eine, ihre Karriere als Tänzerin voran zu treiben versucht, wird die andere nach dem Universitätsabschluss Assistentin bei einer berühmten Sängerin werden. Seltsam blass erscheint mir die Figur der anonymen Erzählerin. Sie entwickelt sich kaum sondern hat ihre Rolle darin, zu beobachten und zu berichten. Die Anderen agieren, während sie reagiert. Als jedoch ihre Arbeitgeberin, man stelle sich eine nicht mehr ganz junge, exzentrische Diva a la Madonna vor, ein soziales Hilfsprojekt in Westafrika startet, wird die Erzählerin mit ihren eigenen Wurzeln konfrontiert. Sie begibt sich einige Male in dieses kleine afrikanische Dorf, in dem nun eine Schule für Mädchen errichtet werden soll. Sie spürt, dass diese herzlichen Menschen durchaus etwas mit ihr zu tun haben und langsam lässt Zadie Smith zu, dass sich die Erzählerin entwickelt. Zaghaft und vorsichtig macht sie sich frei von den Erwartungen, die andere an sie haben.

Eine wesentliche Frage stellt sich der Erzählerin genauso wie den Leser/innen. Reicht es aus, in unterentwickelten Ländern Geld zu verteilen, ohne die politischen Gegebenheiten zu beeinflussen? Was wird aus solchen Projekten, wenn sie sich selbst überlassen bleiben? Werden Frauen anders behandelt als zuvor? Wenn wir dann noch lesen, wie dieser Popstar sich ein kleines, ganz besonders hübsches Baby adoptiert, weil es die Eltern gegen Geld in eine bessere Zukunft schicken, dann bleibt ein beklommenes Gefühl zurück.

Zadie Smith hat in diesem Roman viele Themen angesprochen, kritische Fragen aufgeworfen und nebenbei einen sehr unterhaltsamen und authentischen Roman geschrieben, der getragen wird von starken, schwachen, außergewöhnlichen und sehr verschiedenen Frauenfiguren.

Pferde

Seit frühester Kindheit liebe ich Pferde. Einen großen Teil meiner Kindheit und frühen Jugend habe ich demzufolge im Reitstall, bei uns im Dorf verbracht. Meine ersten Versuche beim Zeichnen, stellten Pferde dar. Später habe ich mich viele Jahre anderen Motiven gewidmet. Aber ich habe festgestellt, dass es mir immer noch sehr viel Freude macht, mich mit diesen wunderbaren Geschöpfen zu beschäftigen.

Jackie Thomae – Brüder

Die deutsche Journalistin Jackie Thomae hat mit ihrem zweiten Roman „Brüder“ 2019 den Sprung auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis geschafft. „Brüder“ ist eine starke Geschichte über große und kleine Ziele, starke und schwache Momente, Liebe, Vorurteile, Rassismus, Prägung, Familie und Herkunft. Ein Buch mit vielen Facetten, das am Ende noch lange nachklingt.

Als 1970 in der ehemaligen DDR Michael und Gabriel geboren werden, haben sie nichts gemeinsam, außer ihrem Vater, dem Senegalesen Idris, der als Student in Ostberlin und später in Leipzig gelebt hat, und seiner Hautfarbe. Der Vater sieht seine Kinder nicht aufwachsen. Er geht zurück in den Senegal und wird dort ein erfolgreicher Zahnarzt. Die Vaterlosigkeit ist sicher beteiligt, an der Entwicklung der Söhne, doch ebenso wie die gemeinsame Hautfarbe gibt die Autorin ihren Figuren sehr viel mehr Entfaltungspotential.

Michael kommt in Ostberlin auf die Welt und seine alleinerziehende Mutter ist stolz darauf, von niemandem, schon gar nicht von einem Mann abhängig zu sein. Michael ist ein liebes Kind, dem die Herzen der Menschen nur so zufliegen. Immer hat er dieses entzückende Lächeln im Gesicht und charmant wickelt er alle um den Finger. Mit Fünfzehn Jahren kommt er nach Westberlin und gerät hier in den Sog der Musikszene. Er nimmt das Leben leicht und das Leben macht es ihm leicht. Auch als Erwachsener lebt er ohne selbstgesteckte Ziele in den Tag hinein. Sein Leben gleicht einer nicht endenden Party. Festen Bindungen und Verbindlichkeiten weicht er elegant aus und das geht eine ganze Weile gut, bis er eines Tages hart auf dem Boden der Realität landet.

Im Gegensatz dazu entwickelt sich das Leben von Gabriel. Zielstrebig und ehrgeizig geht er seinen Weg. Als Kind ist er eher unauffällig und ernsthaft, mit wenig Empathie ausgestattet. Er lebt mit seiner Mutter in Leipzig und wird nach ihrem Tod von den Großeltern aufgezogen. Sein Lebensweg verläuft sehr gradlinig.Schule, Studium und dann die schnelle Karriere als Architekt, die ihn direkt in den Burnout führt.

Jackie Thomae zeigt den teils unterschwelligen, teils versteckten Rassismus auf, der den Brüdern häufig begegnet, doch ist dies bei weitem nicht das wichtigste Thema in diesem Roman. Es geht der Autorin um die so völlig verschiedenen Lebensentwürfe zweier Menschen, die auf den ersten Blick sehr ähnlich sein müssten. Während Michael voller Selbstbewusstsein und Coolness über seine Hautfarbe hinweg sieht, leidet Gabriel darunter. Er verschließt sich zusehends. Erst durch die Begegnung mit Fleur, die als Weiße in Afrika aufgewachsen ist, öffnet er sich einem Menschen.

Der Roman hat durchaus autobiographische Züge. Die Autorin ist wie ihre Protagonisten in der DDR aufgewachsen und wie die „Brüder“ hat sie einen schwarzafrikanischen Vater. Der Roman gliedert sich in zwei Teile, in denen wir jeweils einen der Brüder kennenlernen. In beiden Biografien spielen Frauen eine große Rolle. Während Michael durch die Trennung von seiner langjährigen Freundin Delia zunächst den Boden unter den Füssen verliert, wird Gabriel von seiner Frau Fleur durch große und kleine Krisen getragen. Erfreulich locker und humorvoll ist dieser Roman geschrieben. Ich bin gerne in diese Welt eingetaucht und habe die Brüder mit Freude durch die ersten 40 Jahre ihres Lebens begleitet.

Isolation

Das Corona Virus treibt sein Unwesen auf diesem Planeten und wir können nicht viel dagegen tun. Also isolieren wir uns so gut es geht und hoffen darauf, dass wir in absehbarer Zeit unser altes Leben wieder haben werden. Das bedrückende Gefühl dieser Isolation wollte ich mit dem Bild ausdrücken. Vielen Dank an meine Freundin Zsuzsa für die Inspiration, nachdem ich tagelang gerätselt habe, wie man so etwas zu Papier bringen könnte.

Catalin Dorian Florescu – Der Mann, der das Glück bringt

Eine Geschichte, die wie ein Fluss daher kommt. Meistens fließt sie ruhig dahin, aber sie überrascht mit uns immer aufs Neue mit Untiefen und Strömungen, die ihr stets neue Wendungen geben. Catalin Dorian Florescu hat den Roman „Der Mann, der das Glück bringt“ zu einem poetischen und gleichzeitig erschütternden Bild gewoben. Zwei Familien, viele Schicksale und ein Zeitraum, der sich von 1899 bis in die Gegenwart erstreckt.

Ray und Elena begegnen sich 2011 mitten im Inferno des Anschlags auf das World Trade Center in New York. Wir folgen jedoch zunächst, ihren Familien durch schwere Zeiten.

Rays Großvater ist als kleines Kind mit seinen Eltern nach New York emigriert und muss sich schon bald allein durch das Leben schlagen. Auf der Suche nach dem Glück, wie so viele hoffnungsvolle Einwanderer, die in New York gestrandet sind. Das Leben ist hart, zuweilen grausam und unerbittlich. Wem das Schicksal nicht gewogen ist, der bezahlt schnell mit seinem Leben. Hunger, Gewalt und im Winter eisige Kälte setzen den Menschen zu. Aber der Großvater ist pfiffig und anpassungsfähig. Er passt seine Biografie den jeweiligen Umständen an. So trifft er einmal einen alten Juden, der sich seiner annimmt, und hier erfindet der Junge sich eine jüdische Vergangenheit. Ein anderes Mal gibt er überzeugend den irischen Einwanderersohn. Auch seinen Namen passt er der jeweiligen Situation an. Mit dieser Strategie schafft er es zwar nicht, seinen Traum von einer Karriere als Sänger zu verwirklichen, aber er schlägt sich durch und er überlebt. In dieser Zeit, an diesem Ort stehen Leben und Tod näher zusammen, als man denken mag. Jeden Tag fährt ein Schiff voll beladen mit Leichen aus den Slums den Hudson River hinauf, auf die Insel, wo die Armen begraben werden. Der Fluss ist die große Konstante. Er nimmt alles unbeteiligt hin und macht sich vielleicht seine eigenen Gedanken. Die Pläne des Schicksals sind genauso unergründlich und ab und an wird jemandem etwas Glück zuteil, was dann genauso schnell wieder abhanden kommen kann.

Elenas Familie lebt auf der anderen Seite der Erde im Donaudelta in Rumänien, dort wo der Fluss ins schwarze Meer mündet. Hier erfährt man nicht viel von der Welt. Die Menschen sind Fischer und leben ärmlich im gemächlichen Rhythmus der Natur. Elenas Mutter hat jedoch große Wünsche und die Entdeckung, dass die Welt viel größer ist und viel mehr Möglichkeiten bereithält, als sie es sich als Kind vorstellen konnte, nähren in ihr die Hoffnung, eines Tages in Amerika ihr Glück zu finden. Doch dann schlägt das Schicksal gnadenlos zu. Sie erkrankt an Lepra und fristet ihr Leben zwangsweise in einer Leprakolonie. Hier wird Elena zur Welt kommen. Sie ist gesund und wird darum ihrer Mutter weg genommen um in Pflegefamilien aufzuwachsen. Auch Elena hat diesen starken Willen nach Freiheit und Selbstbestimmung. Sehr viel später, nachdem die Mutter gestorben ist möchte sie ihr den größten Wusch erfüllen. Sie fliegt mit der Asche der Verstorbenen nach New York, wo sich dann unter den dramatischen Ereignissen des 9. Septembers Rays und Elenas Wege kreuzen.

Der Roman besticht vor allem durch diesen ruhigen, fließenden Erzählstil. Bilder und Stimmungen werden heraufbeschworen und geben der Geschichte ihren besonderen Klang.

„Der Mensch verrichtete geduldig sein Werk und bebaute eine leerstehende Parzelle nach der anderen. Er zog Häuser hoch, pflasterte ehemalige Indianerpfade zu und baute neue Straßen, zwang der Landschaft den rechten Winkel auf. Er ließ alles wieder verrotten und baute es ein zweites und ein drittes Mal auf. Nichts durfte stillstehen. Doch weil er Gott fürchtete, stellte der Mensch alle paar Häuserblocks auch eine Kirche auf. Er legte immer mal eine Pause ein und wartete ab, ob Gott sich bestechen ließ. Gott ließ sich bestechen, also machte der Mensch weiter…“

Siri Hustvedt – Damals

„Damals“, wir schreiben das Jahr 1978, kommt die junge Erzählerin mit den Initialen S.H. nach New York und bezieht ein winziges Apartment in einem schäbigen Viertel. Sie stammt aus der Provinzstadt Webster in Minnesota und hat bereits einen einen Bachelor in Philosophie und Englisch vorzuweisen. Sie kommt nach New York, um sich inspirieren zu lassen und die Pläne für einen ersten Roman in die Tat umzusetzen. Ein Jahr hat sie sich gegeben. Ein Jahr, in dem diese Geschichte, die sie schon lange in ihrem Kopf mit sich herum trägt, entweder ihren Weg auf das Papier findet oder begraben wird. Plan B wäre dann ein Literaturstudium an der Columbia Universität. Wir streifen mit S., die später von ihren neuen Freunden nur Minnesota genannt werden wird, durch diese riesige, schmutzige, laute und faszinierende Stadt, fahren kreuz und quer mit der Subway und nehmen all die neuen Eindrücke in uns auf.

Die Erinnerungen entnimmt die Autorin zu einem großen Teil einem Notizheft, das ihr in diesem ersten New Yorker Jahr, als Tagebuch diente. Diese Aufzeichnungen lassen vor uns ein sehr berührendes Bild entstehen. Die junge S. saugt alles in sich auf, ist neugierig, offen, noch sehr unsicher und wird häufig bitter enttäuscht. Männer nehmen sie als Objekt war, lassen sie desillusioniert zurück, bis sie eines Tages nur haarscharf einer Vergewaltigung entgeht. Neben diesen Ausflügen ins brodelnde Stadtleben schreibt S. an ihrem Detektivroman. Es fängt verheißungsvoll an, doch bald stockt der Schreibfluss. Zu sehr nimmt das wirkliche Leben S. in Beschlag.

Und dann ist da noch das Rätsel um ihre Nachbarin Lucy Brite. Die beiden haben sich noch nicht getroffen, doch ständig sind durch die dünnen Wände der kleinen Wohnung, Lucys merkwürdige Monologe zu hören; düster und rätselhaft. Immer wieder in beschwörendem, klagendem Ton vorgetragen. Sehr viel später wird sich dieses Rätsel lösen. Bis dahin werden Freundschaften geschlossen, die schwindenden finanziellen Rücklagen mit einem lukrativen Job aufgebessert, inspirierende Gespräche geführt und viele kulturelle Veranstaltungen besucht.

Nun wäre dieser Roman kein Siri Hustvedt Roman ohne Geschichten in der Geschichte. In Form von Rückblenden in die Kindheit von Minnesota und Sprünge in die Gegenwart der Protagonistin, die als alternde Schriftstellerin und Wissenschaftlerin auf ihr Leben schaut, die politische Realität kritisiert, über das Vergessen sinniert,um dann wieder im Jahre 1978 Männlichkeitswahn genauso zu erleben wie Solidarität unter Frauen. Und immer wieder hält sie Zwiesprache mit uns, ihren Leser/innen.

„Ich schreibe jetzt, schreibe gegen die Zeit, für die Zeit, mit der Zeit, in die Zeit. Ich schreibe aus meiner Zeit und in Ihre hinein. Dieser einfache Vorgang hat etwas Magisches, nicht wahr? Für Sie kann es nächstes Jahr sein, während es für mich noch dieses ist.“

Für mich war die Lektüre dieses Romans wieder einmal ein großer Gewinn. Sie hat mich nachdenklich gemacht und mit ihrer soghaften Sprache voll und ganz in ihren Bann gezogen. Siri Hustvedt bedient sich, wie es auch bei anderen Romanen von ihr der Fall ist, zahlreicher literarischer und philosophischer Quellen, was zu tiefgründigen Erkenntnissen führen kann, wenn man dieses Angebot annimmt.

Die Ameisen

Inspiriert durch den Roman „Der schmale Pfad durchs Hinterland“ von Richard Flanagan, hatte ich mir anfänglich ein sehr viel düstereres Bild von Ameisen in einem unwirtlichen Dschungel vorgestellt. Doch im Laufe der Entstehung geriet das Bild immer freundlicher und heller. Von meinem ursprünglichen Plan blieb nicht so viel übrig, doch mir gefiel diese freundlichere Version immer besser. Und mit dem Ergebnis bin ich nun sehr zufrieden.

Richard Flanagan -Der schmale Pfad durchs Hinterland

Beeindruckend, bewegend und bedeutend. „Der schmale Pfad durchs Hinterland“ von Richard Flanagan hat mich wirklich tief beeindruckt und bei der Lektüre viele Gedanken zum Thema Menschlichkeit und Vergebung angeregt. Die Geschichte eines Lebens und einer schwierigen Zeit.

Dorrigo Evans wächst Anfang des 20. Jahrhunderts in Tasmanien auf. Ein wissbegieriges, kluges Kind, das mit wachen Augen durchs Leben geht. Später wird er ein sehr guter Chirurg sein und seine Mitmenschen eher distanziert betrachten. Auch sein Verhältnis zu Frauen ist sehr kühl. Da er ein attraktiver Mann ist, hat er leichtes Spiel und viele, sehr oberflächliche, rein körperliche Beziehungen. Das ändert sich erst, als er Amy, die geheimnisvolle Frau seines Onkels kennenlernt. Er verliebt sich zum ersten mal ernsthaft und verliert sich in einer leidenschaftliche Beziehung. Dumm nur, dass er zu dieser Zeit kurz vor der Hochzeit mit einer etwas biederen jungen Frau aus gutem Hause steht. Obwohl er genau weiß, dass sie nicht die Richtige für ihn ist, wird er sie heiraten.

Bis zu diesem Zeitpunkt wurde mir die Person des Dorrigo von Seite zu Seite unsympathischer. Ich konnte keine Beziehung zu diesem kalten und glatten Charakter aufbauen. Trotzdem verspürte ich eine gewisse Neugier, wie es weiter gehen würde und wann, beziehungsweise ob diese harte Schale wohl zerbrechen könnte. Hier war die Geschichte nun an einem Punkt, der die Verletzlichkeit von Dorrigo aufflammen ließ. Mittlerweile war die Zeit voran geschritten und in der übrigen Welt tobte der zweite Weltkrieg. Auch Dorrigo meldet sich zum Militär und gerät schon früh in japanische Kriegsgefangenschaft. Mit einem wahnwitzigen Vorhaben, wollen die Japaner dem Rest der Welt die Überlegenheit des japanischen Volkes beweisen. Sie bauen eine Eisenbahnstrecke quer durch Thailand bis nach Burma. Heute wird die Bahnstrecke auch „Todeseisenbahn“ genannt, forderte sie doch mehr Opfer, als die Atombombe in Hiroshima. Dorrigo wird als Kriegsgefangener bei diesem Eisenbahnbau eingesetzt, ebenso wie tausende weitere asiatische und australische Gefangene. Die Zwangsarbeiter haben nicht nur die harte körperliche Arbeit zu überstehen, sie kämpfen auch mit Hunger, Durst, Krankheiten, einem undurchdringlichen Regenwald und brutalen Wärtern. Unter diesen Bedingungen sterben die Menschen wie die Fliegen.

Wenn Erniedrigung, Gewalt und Krankheit regieren, wo bleibt die Menschlichkeit? Das Erstaunliche ist, dass in diesem Roman die Menschlichkeit, die Fähigkeit zu vergeben und die Nächstenliebe immer wieder aufblitzen. Sie tauchen auf in Momenten tiefster Dunkelheit und geben uns als Lesern die Hoffnung auf ein gutes Ende. Dorrigo Evans ist im Lager für die medizinische Versorgung der Mitgefangenen verantwortlich. Diese Aufgabe bringt ihn täglich an seine Grenzen, doch er kämpft, selbst am Ende seiner Kraft, unaufhörlich gegen Krankheit und Tod an. Ihn hält die Erinnerung an Amy am Leben und der Ehrgeiz hier etwas zum Besseren zu bewegen.

Am Ende des Krieges wird es nur Verlierer geben. Die Täter werden entweder zur Verantwortung gezogen oder versuchen sich der Verfolgung zu entziehen und die überlebenden Gefangenen werden für ihr weiteres Leben dieses Trauma mit sich herumtragen müssen. Dorrigo kehrt als Kriegsheld wider Willen nach Hause zurück und versucht mit seiner Frau und seinen beiden Kindern ein normales Leben zu führen. Doch die fehlende Liebe zu ihr stehen einem glücklichen Leben ebenso im Wege wie die traumatischen Erinnerungen. Erst als ein verheehrender Waldbrand das Leben seiner Familie bedroht, wächst er wieder einmal über sich hinaus und rettet sie in letzter Minute. Und ihm ist klar geworden, dass sein Leben so, wie es nun ist, auch gut ist.

Am Ende bin ich genauso wie Dorrigo mit seinem Leben, mit diesem Charakter im Reinen. Und ich bin dankbar für dieses große Stück Literatur, das es dem Leser nicht leicht macht, aber viele Seiten anreißt und noch lange nachklingt.