Virginie Despentes -Das Leben des Vernon Subutex 1

Wir leben in einer Zeit, die von sehr vielen Menschen als schwierig, ungerecht und irgendwie auch beängstigend wahrgenommen wird. Sie fühlen sich abgehängt von Wohlstand und Erfolg, kommen finanziell gerade so über die Runden. Scheinbar kümmert es die Verantwortlichen nicht. Die soziale Schere öffnet sich immer weiter. Diejenigen, die am unteren Rand stehen werden zu willkommenen Opfern für Bauernfänger, meistens aus der rechten, nationalistischen Ecke des politischen Spektrums. Unbezahlbarer Wohnraum, Zuwanderung, fehlende finanzielle sowie menschliche Zuwendung erzeugen ein Klima von Gewalt und Fremdenfeindlichkeit. Jeder kämpft für sich allein oder läuft in radikalen Gruppierungen mit, um irgendwo, bzw. irgendwie dazu zu gehören. So sieht es nicht nur hier in Deutschland aus, sondern in den meisten Industrienationen.

Und genau in dieser Zeit, in diesem Umfeld spielt die Romantrilogie von Virginie Despentes „Das Leben des Vernon Subutex“. Dieser Vernon Subutex ist ein Spielball seiner Zeit. Ein musikverrückter Plattenladenbesitzer der Anlaufstelle für Musiker und Musikliebhaber ist, ein wandelndes Lexikon, aber nur in Bezug auf Rockmusik, ein Teil der Musikszene in Paris, mit vielen Kontakten in der Szene. Lange Jahre geht es ihm richtig gut. Er ist charmant und beliebt. Doch die Zeiten haben sich geändert. Die Geschäfte laufen immer schlechter und konsequenterweise endet diese Epoche mit einem Bankrott. Vorsorge hat Vernon als typischer Tagträumer natürlich nicht getroffen. Nun gut, seine Wohnung ist zwar recht groß, aber die Miete wird von einem befreundeten Popstar bezahlt, und so lässt sich Vernon einfach treiben. Doch die Pechsträhne hält weiter an. Der Popstar stirbt, die Miete fällt aus und schwupps, sitzt man auf der Strasse. Nun quartiert sich unser Held reihum bei seinen alten Freunden ein. Hier beginnt der Roman zusehends zu einem Sittengemälde der heutigen Zeit zu werden. Wir lernen Menschen kennen, die zwar scheinbar ihren Platz in der Gesellschaft behaupten, teilweise auch erfolgreich erscheinen, doch glücklich ist kein Einziger. Die Kälte des urbanen, modernen Lebens spielt jedem in seinem Umfeld übel mit. Am Ende hat sich Vernons sozialer Abstieg vollendet. Er sitzt auf der Strasse. Aber selbst hier gibt es noch Konkurrenz. Die Anlaufstellen für Obdachlose sind von zugewanderten Afrikanern, oder Flüchtlingen überlaufen.

Eine gruselige Szene steht mir vor Augen. Vernon sitzt mit einer obdachlosen Frau vor einem Supermarkt ( sie hilft ihm dabei, etwas zu essen zu erbetteln), als eine Gruppe von rechtsnationalen Burschenschaftlern auftaucht. Vernon wird nach seinem Namen gefragt und als sich herausstellt, dass er Franzose ist, lässt man ihn in Ruhe. Er gehört sozusagen zu den guten Obdachlosen. Wäre er Rumäne, Afrikaner oder sonst etwas, wäre diese Begegnung schlimm für ihn ausgegangen.

Dieser großartige erste Teil der Trilogie benutzt Vernon als roten Faden. Die Autorin wertet nicht, aber indem wir durch die Augen und Gedanken von Vernon und seinen Freunden blicken, erkennen wir auf erschütternde Art und Weise unsere aktuelle Wirklichkeit. Das ist ein ganz großartiges Stück Literatur.

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Nicole Walter – Das Leben drehen

In diesem Sommer habe ich einen Roman gelesen, der mich einfach nicht loslassen wollte. Es war „Das Leben drehen“ von Nicole Walter. Mit leichter Hand verarbeitet sie ganz elementare Themen.

Eine Freundschaft zwischen zwei sehr unterschiedlichen Frauen. Marlene ist Ärztin und dieser Beruf nimmt sie voll und ganz in Beschlag, sie vergisst darüber alles andere und dazu zählt auch ihr Mann Markus, der einfach immer da ist, mit dem sie aber tatsächlich nicht mehr viel verbindet. Das bemerkt sie erst, als sie Amelie trifft, eine lebenslustige, junge, extrovertierte Hutmacherin. Sie ist die Affäre, mit der Markus Marlene bereits seit einiger Zeit betrügt. Marlenes Welt bricht mit einem großen Knall auseinander.

Amelie sucht sie eines Abends im Krankenhaus auf und dieser eine Satz „Ich bitte sie um ihren Mann. Nicht für lange, weil… ich muss sterben“ verändert alles. Schock, der Sturz ins Bodenlose, Selbstzweifel… Marlene ist gekränkt und wütend und eigentlich müsste sie Amelie ja auch hassen, doch diese todkranke Frau bringt etwas in ihr zum klingen. Sie beschließt, Amelie zu retten. Und nun beschäftigen wir uns gemeinsam mit den Protagonistinnen, mit dem Sterben und Kranksein, aber eigentlich ist es mehr ein Nachdenken über das Leben. Ausgerechnet Amelie, deren Leben an einem seidenen Faden hängt, bringt Marlene im Laufe ihrer Freundschaft bei, wie Leben überhaupt geht. Marlene sucht Perfektion, kann auch in ihrer Funktion als Ärztin das Sterben nicht zulassen. Und so kann sie einfach nicht erkennen, wann es denn vielleicht auch genug ist mit dem Therapieren. Und schon gar nicht kann sie Patienten in den Tod begleiten, das müssen dann die Kollegen übernehmen. Wie ist sie so geworden, wie Amelie und auch wir Leser sie kennengelernt haben? Bis wir das erfahren, braucht es noch eine Weile. Zunächst kämpft Marlene verbissen um Amelies Leben und um ihr eigenes, am besten mit Markus. Den ersten Kampf scheint sie zwar gewonnen zu haben, Amelie lebt, doch in Marlene ist so viel entzwei gegangen, dass der Zusammenbruch unvermeidlich ist. Ganz am Boden fährt sie mit Amelie zu deren Großmutter nach Italien und nun ist es an Amelie, um Marlenes Leben zu kämpfen. Langsam, ganz langsam gelingt es Amelie und ihren Freunden Marlenes Seele zu heilen, die Mauern nieder zu reißen, die diese um sich herum gebaut hat. Achtsamkeit, Lebensfreude und Akzeptanz das lernt Marlene hier und natürlich das Lieben mit ganzem Herzen, ohne Netz und doppelten Boden.

Diese Geschichte hat viel in mir bewegt und darum habe ich eines der Bilder, die sich in meinem Kopf tummelten zu Papier gebracht.

Portrait mit Adler und Falke

Kürzlich haben wir an einem Falkner-Workshop teilgenommen. Das war ein extrem beeindruckendes, unvergessliches Erlebnis. Wer hat in seinem Leben schon einmal die Gelegenheit, einen 4 Kilogramm schweren Adler auf seinem Arm sitzen zu haben. Diesen Tag mit seinen besonderen Eindrücken habe ich in dieses Bild einfließen lassen. Das Portrait stellt meine wunderbare Tochter dar, der ich diesen Blog zu verdanken habe.

Hannah Tinti – Die zwölf Leben des Samuel Hawley

Eine Vater-Tochter Beziehung, ein Entwicklungsroman, auch ein Krimi und einfach nur ein wunderbar spannendes, mitreißendes Buch, das ist der Roman „Die zwölf Leben des Samuel Hawley“ von Hannah Tinti.

Die 12-jährige Loo ist seit sie denken kann mit ihrem Vater umhergezogen. Es war ein spannendes, schönes, unabhängiges Leben. Nun beschließt Samuel Hawley endlich sesshaft zu werden und dafür wählt er das Städtchen Olympus aus, die Heimat seiner verstorbenen Frau Lilly, Loos Mutter. Das Einleben fällt beiden zunächst nicht leicht und auch die misstrauische Ablehnung durch Loos Großmutter macht es nicht einfacher. Nach und nach findet Loo ihren Platz, doch einfacher wird es damit nicht unbedingt, denn nun kommen Fragen auf, Fragen nach der Vergangenheit ihres Vaters. Und dieser Samuel Hawley ist tatsächlich ein mysteriöser Mensch. Niemals verlässt er das Haus, ohne sich bis an die Zähne zu bewaffnen und wir ahnen es schon, die Vergangenheit wird einen Gangster hervorbringen.

Hannah Tinti erzählt nun abwechselnd von Loos Suche nach ihrem Platz im Leben und nach den Geheimnissen um Vater und Mutter. Und als zweiten Strang hangeln wir uns auf dem Pfad der Schusswunden von Samuel Hawley entlang und kommen mit jeder Kugel dem Geheimnis des Mannes näher. Ein Krimineller also, der mit krummen Geschäften sein Leben und das seiner Familie immer wieder in Gefahr bringt. Je weiter wir uns durch Samels Leben hangeln, von Kugel zu Kugel, desto weiter entwickelt sich die Tochter. Loo wächst heran und mit dem Erwachsenwerden stellt sie zunehmend unbequemere Fragen, wird kritischer und stellt zu allem Unglück fest, dass sie ihrem Vater ähnlicher ist, als es ihr lieb ist. Diese Entwicklung zu verfolgen ist für den Leser mindestens ebenso spannend, wie die Geschichte des Samuel.

„Indem sie Hawleys Schießeisen nun nebeneinanderlegte, hoffte sie, eine Landkarte zu erstellen, ein Muster zu erkennen, das bewies, ob er ein Verbrecher war oder ein Fischer, ein Vater oder ein Mörder. Also versammelte sie sämtliche Pistolen und halbautomatische Waffen, Revolver und Gewehre auf seiner Bettdecke. Hawley hatte die Vergangenheit konsequent gelöscht, nicht nur seine eigene, sondern auch die seiner Tochter. aber irgendwo musste eine Spur zu finden sein, eine Möglichkeit für Loo, die verlorenen Geschichten in die Gegenwart zurückzuholen.“

Eine von diesen Geschichten ist jene, die den Tod von Loos Mutter erzählt und auf die ich beim Lesen ebenso wie Loo hingefiebert habe. Doch die Autorin hält den Spannungsbogen sehr lange auf sehr hohem Niveau, ehe sie uns endlich vollends die Augen öffnet. Und am Ende ist Loo erwachsen und wir wünschen ihr viel Glück für ihr eigenes Leben.

Diese Geschichte um Hawley und Loo ist nicht nur spannend und gut erzählt, sie besticht auch durch ihre wunderschöne Sprache.

„Loo war, als würde sie in einen Spiegel blicken. Sie erkannte in Marshalls Mutter die gleiche flackernde Hoffnung wie in sich selbst, das gleiche verzweifelte Bedürfnis, geliebt zu werden. Sie erkannte es auch in Direktor Gunderson, der auf dem alten Abschlussball-Foto strahlend den Arm um Lillys Taille gelegt hatte. Und in Agnes, die erschöpft im Kreißsaal lag und dem ersten Schrei ihres Kindes lauschte. Und in Hawley mit seinen Papierfetzen und Fotos im Badezimmer, mit seiner niemals endenden Trauer. Ihre Herzen durchliefen alle den gleichen Kreislauf aus Entdeckung, Glückseligkeit, Verlust und Verzweiflung – wie Planeten, die um die Sonne kreisten. Jeder von ihnen besaß seine eigene, einzigartige Schwerkraft, seine eigene Anziehungskraft.“

Mareike Fallwickl – Dunkelgrün fast schwarz

Ich stelle hier nun ein Buch vor, das mich einige Tage wirklich ernsthaft in seinen Bann gezogen hat. So ganz habe ich es immer noch nicht abgeschüttelt.

„Dunkelgrün fast schwarz“ von Mareike Fallwickl ist so ein großartiges, literarisches Debüt. Es geht um Freundschaft, um Besessenheit und Abhängigkeit, um Grausamkeit und ums Erwachsen werden.

Moritz und Raffael lernen sich auf dem Spielplatz kennen, da sind sie gerade einmal 3 Jahre alt. Und sie sind so verschieden, wie Kinder in dem Alter es nur sein können. Raffael, der blonde, charmante und draufgängerische Junge mit den intensiv blauen Augen einerseits, und auf der anderen Seite Moritz, dunkelhaarig, verträumt und schüchtern. Von der ersten Begegnung an ist klar, wir sind Freunde. Raffael entscheidet dies. Moritz ist einfach nur froh, einen Freund gefunden zu haben und begeistert lässt er sich von Raffael mitziehen, von einem kindlichen Abenteuer ins nächste. Die beiden sind unzertrennlich. Allerdings spürt man bereits sehr früh in der Geschichte, dass da etwas merkwürdig verläuft. Es gibt Anzeichen von extremer Gefühlskälte und Grausamkeit in Raffaels Psyche und man ahnt, dass Moritz dem nicht gewachsen sein kann. Als dann Johanna auftaucht in dem kleinen Ort, wird aus dem unzertrennlichen Duo ein Trio. Raffael, Moritz und Johanna sind nun bereits 17 Jahre alt und beide Jungen buhlen um Johannas Gunst. Hier muss einer gebrochen zurück bleiben. Zu groß ist die Abhängigkeit voneinander. Was genau weiterhin passiert erfährt der Leser erst, als sich die Wege der drei Freunde längst getrennt haben und sie 16 Jahre später wieder zusammentreffen.

Der Autorin gelingt hervorragend, dieses fatale Band einer obsessiven Freundschaft zu beschreiben, es mal in die eine, dann in die andere Richtung zu zerren, es aber nicht reißen zu lassen. Sie erzählt aus der Perspektive der Protagonisten und so haben wir die Möglichkeit, jeden der Beteiligten in seiner Entwicklung, zu begleiten, seinem Wünschen und seinem Zweifeln beizuwohnen. Wirklich gelungen finde ich, dass auch Moritz Mutter Marie eine Erzählfigur ist. Sie hätte vielleicht dem Geschehen eine andere Richtung verleihen können, denn sie hat von Beginn an erkannt, dass in der Figur des Raffael so unendlich viel zerstörerisches Potential liegt.