Ocean Vuong – Auf Erden sind wir kurz grandios

Es gibt Romane, die bezaubern uns, andere Bücher verwirren uns und wieder andere werden zu guten Freunden und begleiten uns ein Stück in unserem Leben, manche Geschichten erweitern unseren Horizont und manche lassen uns ratlos zurück. Ocean Vuongs Roman „Auf Erden sind wir kurz grandios“ macht von allem etwas mit dem Leser. Und das ist schon ganz schön viel, für so ein schmales Buch, nämlich tatsächlich grandios.

Ocean Vuong wurde 1988 in Saigon geboren und ist im Alter von zwei Jahren gemeinsam mit seiner Mutter und anderen Verwandten in die USA ausgewandert. In seinem Roman, der ein Brief an seine Mutter ist, die weder die englische Sprache beherrscht, noch lesen und schreiben kann, erfahren wir alles über das Fremdsein in einem Land, das die Einwanderer bestenfalls übersieht. So leben sie arm, an den Rand gedrängt und unter sich bleibend, und der Mythos vom freien Amerika, wo jeder es zu etwas bringen kann, zerfällt für die meisten von ihnen zu Staub. Die Beziehung zur Mutter ist ebenso tief, wie verstörend. Immer wieder wird der kleine Junge zum Opfer ihrer Gewaltausbrüche, dennoch ist seine Liebe zu ihr ungebrochen, sieht er doch, dass auch sie irgendwo zwischen den Welten stecken geblieben ist. Wir lesen von der Einsamkeit des kleinen Jungen, der in der Schule keine Freunde findet und früh beginnt, auf den Tabakplantagen in Connecticut Geld für die Familie dazu zu verdienen. Hier trifft er auf Trevor, der erste Freund, die erste Liebe, und die Erkenntnis schwul zu sein macht sein Leben nicht eben einfacher. Erinnerungen reichen zurück bis zu den Grausamkeiten des Vietnamkriegs, wo seine Großmutter von einem amerikanischen Soldaten geschwängert wird. Auch ihre Geschichte, sowie die, seiner Mutter schreibt er nieder. Alles wird in kurzen knappen Kapiteln verfasst, kleine Fragmente, die sein Leben, seine Gedanken und seine Gefühle ausmachen.

Manchmal verliert er sich in Betrachtungen und philosophischen Überlegungen. Es gibt Abschnitte, die gerade ein paar Zeilen lang sind, Sätze die ganz für sich stehen und auf den Leser wirken.

„Ist das vielleicht Kunst? Wenn man berührt wird und glaubt, dieses Gefühl gehöre einem selbst, wenn es doch eigentlich jemand anderes war, der uns durch sein Verlangen findet?“

Oder

„Denk daran: Die Regeln können dich wie Straßen nur an bekannte Orte bringen. Unter dem Straßennetz ist ein Feld – es war immer dort-, und sich dort zu verlieren heißt nie, dass man sich irrt, sondern, dass man einfach mehr ist.“

Diese kleinen Bruchstücke machen mir das Buch zu etwas ganz Besonderem. Ein Mensch auf der Suche nach seinen Wurzeln, seiner Mitte und seiner Zukunft. Ein Leben als Außenseiter am Rande der Gesellschaft, geprägt durch Brutalität, Drogen, aber auch Momente der Zartheit und Poesie.

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