Jackie Thomae – Brüder

Die deutsche Journalistin Jackie Thomae hat mit ihrem zweiten Roman „Brüder“ 2019 den Sprung auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis geschafft. „Brüder“ ist eine starke Geschichte über große und kleine Ziele, starke und schwache Momente, Liebe, Vorurteile, Rassismus, Prägung, Familie und Herkunft. Ein Buch mit vielen Facetten, das am Ende noch lange nachklingt.

Als 1970 in der ehemaligen DDR Michael und Gabriel geboren werden, haben sie nichts gemeinsam, außer ihrem Vater, dem Senegalesen Idris, der als Student in Ostberlin und später in Leipzig gelebt hat, und seiner Hautfarbe. Der Vater sieht seine Kinder nicht aufwachsen. Er geht zurück in den Senegal und wird dort ein erfolgreicher Zahnarzt. Die Vaterlosigkeit ist sicher beteiligt, an der Entwicklung der Söhne, doch ebenso wie die gemeinsame Hautfarbe gibt die Autorin ihren Figuren sehr viel mehr Entfaltungspotential.

Michael kommt in Ostberlin auf die Welt und seine alleinerziehende Mutter ist stolz darauf, von niemandem, schon gar nicht von einem Mann abhängig zu sein. Michael ist ein liebes Kind, dem die Herzen der Menschen nur so zufliegen. Immer hat er dieses entzückende Lächeln im Gesicht und charmant wickelt er alle um den Finger. Mit Fünfzehn Jahren kommt er nach Westberlin und gerät hier in den Sog der Musikszene. Er nimmt das Leben leicht und das Leben macht es ihm leicht. Auch als Erwachsener lebt er ohne selbstgesteckte Ziele in den Tag hinein. Sein Leben gleicht einer nicht endenden Party. Festen Bindungen und Verbindlichkeiten weicht er elegant aus und das geht eine ganze Weile gut, bis er eines Tages hart auf dem Boden der Realität landet.

Im Gegensatz dazu entwickelt sich das Leben von Gabriel. Zielstrebig und ehrgeizig geht er seinen Weg. Als Kind ist er eher unauffällig und ernsthaft, mit wenig Empathie ausgestattet. Er lebt mit seiner Mutter in Leipzig und wird nach ihrem Tod von den Großeltern aufgezogen. Sein Lebensweg verläuft sehr gradlinig.Schule, Studium und dann die schnelle Karriere als Architekt, die ihn direkt in den Burnout führt.

Jackie Thomae zeigt den teils unterschwelligen, teils versteckten Rassismus auf, der den Brüdern häufig begegnet, doch ist dies bei weitem nicht das wichtigste Thema in diesem Roman. Es geht der Autorin um die so völlig verschiedenen Lebensentwürfe zweier Menschen, die auf den ersten Blick sehr ähnlich sein müssten. Während Michael voller Selbstbewusstsein und Coolness über seine Hautfarbe hinweg sieht, leidet Gabriel darunter. Er verschließt sich zusehends. Erst durch die Begegnung mit Fleur, die als Weiße in Afrika aufgewachsen ist, öffnet er sich einem Menschen.

Der Roman hat durchaus autobiographische Züge. Die Autorin ist wie ihre Protagonisten in der DDR aufgewachsen und wie die „Brüder“ hat sie einen schwarzafrikanischen Vater. Der Roman gliedert sich in zwei Teile, in denen wir jeweils einen der Brüder kennenlernen. In beiden Biografien spielen Frauen eine große Rolle. Während Michael durch die Trennung von seiner langjährigen Freundin Delia zunächst den Boden unter den Füssen verliert, wird Gabriel von seiner Frau Fleur durch große und kleine Krisen getragen. Erfreulich locker und humorvoll ist dieser Roman geschrieben. Ich bin gerne in diese Welt eingetaucht und habe die Brüder mit Freude durch die ersten 40 Jahre ihres Lebens begleitet.

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